Coming-Out-Geschichte: 

Auf einer Schaukel in ihrem Wohnviertel kamen meine Kindheitsfreundin und ich zusammen. Wir saßen einfach da und beschlossen, es miteinander zu versuchen: Sie war vierzehn Jahre jung und schon sehr erfahren in Sachen Jungs, insbesondere mit dem Sex; ich war fünfzehn Jahre alt und hatte keinerlei Ahnung. Nun war es aber so, dass ich, und das merkte ich innerhalb der nächsten neun Monate, in denen wir mehr schlecht als recht zusammen waren, dass ich keine sexuellen Absichten hegte; ja, dass sie intimer mit mir sein wollte, ich aber nicht mit ihr. Und so kam der erste Gedanke daran, dass ich homosexuell sein könnte und auf Jungs stehe. Zu diesem Zeitpunkt begann der existenzielle Kampf mit mir und um meine Sexualität, der sich in der Pubertät verstärkte und sich über Jahre hinzog bis zu meiner Großjährigkeit. Mit sechzehn begann ich zu verstehen, dass ich schwul bin, da ich in erotischen Filmen und auch draußen immerzu auf Jungs und Männer achtete mit der Sehnsucht, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, zu denen es aber nicht kam aufgrund meiner Angst vor der Gesellschaft und ihre Einstellung gegenüber Homosexualität. Ich wollte nichts sehnlicher, als normal und gewöhnlich zu sein wie jeder andere heterosexuelle Junge auch, und so entwickelte ich, durch meine pubertären Minderwertigkeitskomplexe, eine Angst vor Sex, Freundschaft und der Liebe: Ich wuchs zu einem Philophob heran, der ich bis vor meinem Outing war. In meiner Abstinenz und Askese war die Jungfräulichkeit ein Privileg, welches mir keiner nehmen konnte, wenn ich sie nicht hergab, und welche ich unter keinen Umständen verlieren wollte. Ich fühlte mich als Opfer meiner Hormone, welche ich durch Masturbation in Zaum hielt. 

Zunächst gab ich mich heterosexuell vor Freunden und Familie, anschließend bisexuell für die wichtigsten Bekannten; und zum Schluss bekannte ich mich endlich als homosexuell. Dazu kam es im Jahre 2016, nach meinem 21. Geburtstag in Januar: Einmal mehr motivierte mich die Literatur und die Schriftstellerei dazu, zu handeln. Ich las homoerotische und -romantische Romane und wollte eben solche schreiben, die auf meiner eigenen Erfahrung beruhen, Es galt, romantische und erotische Erlebnisse zu haben und soziale und sexuelle Kontakte zu knüpfen; Freund- und Bekanntschaften mit gewissen Vorzügen, mit und ohne an Liebe zu denken. Und so fing ich an, mich zu verabreden. 

Es begann in einem Cafe. Er hieß Hendrik, war 28 Jahre alt, folglich also sieben Jahre älter als ich, Medizinstudent, lebte in Berlin und war für eine Weile zu Besuch bei seinen Eltern. Dort und im besagten Cafe schrieb er an seiner Doktorarbeit, hatte aber mit einer faktischen Schreibblockade zu kämpfen. Zuvor war ich in der Nähe, genauer in der Stadtbibliothek, um mich meinem Studienmaterial zu widmen, und schrieb mit ihm über der Dating-App „Gay Romeo“, in der Szene bekannt auch unter den beiden Namen „Planet Romeo“ oder, zu früheren Zeiten, die „Blauen Seiten“. Eine Dating-App wie das amerikanische „Grindr“, nur seltener mit konkreten Sex-Anfragen und in Deutschland marktführend und weitreichend. 

Nach langem Suchen und Finden trafen wir uns also vor dem Cafe, grüßten und gaben uns die Hand, gingen hinein und bestellten uns jeweils ein Getränk. Wir blieben im Erdgeschoss vor den Fenstern und warfen uns in einen Sessel für zwei, saßen nebeneinander und unterhielten uns über die Familie, über unsere Studien, über Literatur, vor allem über Thomas Manns‘ „Buddenbrooks“ und „Der Zauberberg“ und über Homosexualität (übrigens, Thomas Mann soll auch schwul gewesen sein, wie passend). Letzteres Thema führte dazu, dass ich ihm erzählte, dass ich nur unter guten Freunden geoutet war, nicht aber innerhalb der Familie. Er erzählte mir alsdann von seiner Erfahrung von vor Jahren bei seinem Coming-Out, und ich merkte, obgleich es mir vorher schon bewusst war, dass es jedem genauso ergehen wird und ergangen war, wie es mir noch bevorstand. Zu befürchten hatte ich eigentlich nichts. Mein Bruder war ebenfalls schwul und in der Familie und unter Freunden geoutet und erhielt positives Feedback von seinem und unserem sehr weltoffenen, toleranten, überhaupt nicht homophoben Umfeld. Viel eher hatte ich selbst mit meiner Neigung zu kämpfen und auch mit dem Glauben, meine Eltern würden damit nicht klarkommen, zwei schwule Söhne, stattdessen aber niemals Enkelkinder zu haben. Dem war aber nie so, meine Eltern haben uns vorher wie nachher weiterhin in allem unterstützt, für sie hatte sich nichts geändert. Wir waren und blieben ihre Kinder, die sie aufzogen und auf die man für ihr Sein und Schaffen stolz sein konnte. 

Hendrik war ein kluger, sympathischer und hübscher junger Mann mit einem süßen Lächeln. Ich wusste, dass er vergeben war, ja, dass er sogar verheiratet war mit einem Amerikaner, zu dem er bei Zeit und Geld zu Besuch in New York, Manhattan war, und wo er standesamtlich geheiratet hatte, nicht etwa in Vegas. Der Abend verging wie im Fluge und wir fühlten uns wohl. Ich versprach ihm, weil mich das (freundschaftliche) Treffen und vor allem seine Geschichte motiviert und inspiriert hatte, meinen Eltern zu sagen, dass ich schwul sei mit der Voraussetzung, dass man mich über das Treffen ausfragt. Zuhause angekommen, war dies tatsächlich auch geschehen, wie es meiner Mutter Art war. Sie fragte, wo ich gewesen sei, und ich antwortete darauf mit einem kurzen „Date“. Mit einem Jungen oder mit einem Mädchen, fragte sie. Ich zögerte, deutete auf „Junge“ hin und hielt mein Versprechen ein. Danach kam es zu einem Mutter-Sohn-Gespräch, wie es zwischen meinem Bruder und meinen Eltern stattfand, als herauskam, dass er schwul sei und einen Freund hatte, genauer eine Fernbeziehung mit einem Kerl führte, der in Cottbus, nahe Berlin wohnte. Zufall oder Schicksal? Das vermochte ich nicht zu sagen, weil ich an nichts von beidem glaubte, sondern nur an die richtige Person, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 

Es hat sehr lange gedauert, mit mir ins Reine zu kommen, und ich muss gestehen, dass ich erst den Anfang gewagt habe. Es kommen noch viele Dinge auf mich zu, die ich hinsichtlich der Liebe und der Sexualität überwältigen muss. 

Zum Dank für unser Treffen, schickte ich Hendrik ein Buch zu, nach Berlin. Bücher verschenkte ich zu jedem Anlass; praktisch immer und zu allen Zeiten, weil es für mich nichts Persönlicheres gab, als ein sorgfältig ausgewähltes Buch für einen guten Freund. Ich entschied mich für Johann Gottfried Herders‘ „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ mit dem Grund, dass Hendrik , als Medizinstudent und baldiger Arzt, an seiner Doktorarbeit schrieb, um die Sprache und um jedes Wort rankte, dass Herder den naturwissenschaftlichen Ursprung der Sprache belegte und die göttliche Theorie Süßmilchs‘ widerlegte. Auch schrieb ich folgende Widmung hinzu, die diese Episode und Erinnerung beenden wird: „Dank sei dir, Hendrik, für die Worte, die dafür sorgten, dass ich etwas, was ich zu gewinnen, zu erreichen suchte, auch wirklich erlangte, erhielt, dass etwas Angestrebtes verwirklicht wurde.”